Internationale Freundschaft

http://hessenschau.de/gesellschaft/sprachpatin-hilft-fluechtling-in-neu-isenburg-beim-deutsch-lernen,sprachpatenschaft-neu-isenburg-100.html

Flüchtlingsprojekt in Neu-Isenburg Vom Deutsch zur Freundschaft

Yousef Khatib und seine Sprachpatin Stephanie Pusch beim Kochen.
Yousef Khatib und seine Sprachpatin Stephanie Pusch beim Kochen. Bild © Corinna Klingler (hessenschau.de)

Anfangs büffelte Sprachpatin Stephanie Pusch mit dem Syrer Yousef Khatib nur zwei Mal in der Woche Deutsch in Neu-Isenburg. Doch dann zeigte sich, dass der Sprachunterricht die Tür in ein selbstständiges Leben ist.

Yousef Khatib steht in der Küche seiner Sprachpatin und lässt das Messer durch die Petersilie gleiten. Zack, zack, zack. Der Syrer greift nach rechts in einen Schrank und holt ein Sieb hervor. „Wie heißt das, Stephanie?“, fragt er und dreht sich zu ihr um. „Sieb“, antwortet Stephanie Pusch und hält ihm im Gegenzug Spargel unter die Nase: „Riech mal. Kennst du Spargel?“ Der 48-Jährige schüttelt den Kopf.

Die beiden wollen heute Spargel, Kartoffeln und Taboulé, einen Bulgursalat, zubereiten. Eine Mischung aus deutscher und arabischer Küche. Für Yousef Khatib, der rund 25 Jahre lang in Syrien als Koch arbeitete, wird es das erste Mal sein, dass er Spargel isst.

Neu-Isenburger lernen mit Flüchtlingen Deutsch

Seit neun Monaten lebt Khatib in Neu-Isenburg (Offenbach) und fast ebenso lang ist Pusch seine Sprachpatin. Organisiert werden die Patenschaften von der Stadt, der Flüchtlingshilfe und der Diakonie. Der Grundgedanke: Neu-Isenburger übernehmen die Patenschaft für Flüchtlinge in der Stadt und helfen ihnen so individuell beim Deutschlernen. Etwa 20 Patenschaften gibt es derzeit.

Pusch und Khatib auf der Terrasse beim Reden.
Sprachpatin Stephanie Pusch und Yousef Khatib Bild © Corinna Klingler (hessenschau.de)

Anfangs hätten sie zweimal die Woche zusammen Deutsch gebüffelt, erzählt Pusch, die in Neu-Isenburg arbeitet. Die Verständigung sei mit „Hand und Fuß“ abgelaufen. „Inzwischen machen wir nur noch Sachen, die Spaß machen“, sagt die 47-Jährige und grinst. Ob Raclette-Essen an Silvester, ein Besuch im Hessenpark oder gemeinsames Kochen, bei dem Khatib erzählt, was gerade bei ihm los ist. Sie habe sich für ihn auch schon in Neu-Isenburger Hotels umgehört, ob diese einen Koch gebrauchen könnten.

Ergänzung zu Sprachkursen

Angestoßen hat das Projekt Paola Fabbri-Lipsch, Integrationsbeauftragte der Stadt. Sie sieht es als Ergänzung zu den Sprachkursen, die die Stadt ebenfalls freiwillig für alle zugewiesenen Flüchtlinge anbietet. Die Motivation für diese Angebote erklärt Fabbri-Lipsch so: „Wir haben hier Afghanen, die zwei Jahre hier leben und auf ihre Anerkennung warten. Was bedeutet das für einen Menschen, wenn er zwei Jahre irgendwo lebt und die Sprache nicht lernen kann?“ Zumal gerade Afghanen in 50 Prozent der Fälle anerkannt würden.

Wie wichtig die Förderung und die Patenschaften sind, weiß auch Cornelia Marx, die als Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache (DAZ) Flüchtlinge in Neu-Isenburg unterrichtet. Die Sprachpatenschaften gingen aber über die Deutschkurse hinaus. „In den Patenschaften wird Alltagssprache gesprochen und es geht darum, Hemmungen beim Sprechen zu verlieren“, sagt sie. Fabbri-Lipsch betont aber auch einen anderen Aspekt: „Die Bindungen, die dabei entstehen, sind auch für den Zusammenhalt hier in der Gesellschaft total wichtig.“

„Ich finde, wir können etwas abgeben“

Zurück am Esstisch von Stephanie Pusch: Khatib verteilt gerade Taboulé auf die Teller. „Die Treffen tun ihm und mir gut“, sagt Pusch, die allein lebt. Innerhalb von neun Monaten hat Khatib genug Deutsch gelernt, um sich zu verständigen. Geholfen haben ihm Videokurse im Internet, Deutschkurse, aber eben auch – Stephanie Pusch. Was sie motiviert zu helfen? „Ich finde, wir Deutsche können etwas abgeben. Und wenn es nur Zeit ist, um bei Behördengängen zu helfen“, sagt sie. Für sie sei es aber auch vor allem darum gegangen, ihre Freizeit sinnvoll zu nutzen. Dass sie das tut, sehe sie am Ergebnis.

Khatib nickt: „Jetzt kann ich einkaufen, mit Bus fahren – jetzt kann ich alles selbständig machen.“ Vorher habe er nur in seinem Zimmer gesessen und kaum Kontakte gehabt. „Diese Frau ist bester Freund“, sagt Khatib dankbar. Bald dürfte Pusch übrigens noch mehr zu tun haben – denn dann wird Khatibs Frau mit seinen Kindern nachkommen. Auf das Kennenlernen freue sie sich schon, sagt Pusch.

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