Traueranzeige – geschönt!

http://hessenschau.de/gesellschaft/nazis-aus-traueranzeige-fuer-ns-opfer-gestrichen,traueranzeige-echo-102.html

Ist da nur ein einzelner „Mitarbeiter“ der Schuldige?

Zeitung entschuldigt sich „Nazis“ aus Traueranzeige für NS-Opfer gestrichen

Ehemalige Gaskammer in der Gedenkstätte Hadamar / gestrichene Passagen der Traueranzeige
Ehemalige Gaskammer in der Gedenkstätte Hadamar / gestrichene Passagen der Traueranzeige Bild © picture-alliance/dpa (Archiv), trauer.echo-online.de (Montage: hessenschau.de)

Vor 75 Jahren wurde Apollonia Riebel in der NS-Tötungsanstalt Hadamar vergast. Eine Traueranzeige der Enkelin veröffentlichte die Lokalzeitung erst, nachdem sie Worte wie „Nazis“ und „Gaskammer“ herausgestrichen hatte. Inzwischen entschuldigte sich der Verlag.

Apollonia Riebel wurde 1941 in der Zeit des Nationalsozialismus in der NS-Tötungsanstalt Hadamar bei Limburg ermordet. Daran wollte ihre Enkelin, Elke Jurischka-Leimbach, zum 75. Todestag mit einer Traueranzeige in den Freitagsausgaben dreier südhessischer Lokalzeitungen erinnern: dem Odenwälder Echo, dem Groß-Gerauer Echo und dem Ried-Echo.

Auch Passage über NS-Gräueltaten gestrichen

Doch mit dem eingereichten Text der Traueranzeige hatte die Anzeigenredaktion Schwierigkeiten. Sie strich die Worte „Nazis“ und „Gaskammer“ sowie eine Passage über Gräueltaten, Hass und Fanatismus.

Während sich Anzeigenkundin Jurischka-Leimbach mit der gekürzten Fassung arrangierte, wie sie hessenschau.de sagte, reagierte die 25 Jahre alte Ururenkelin des NS-Opfers, die Journalistin Alina Leimbach, mit einem Artikel über den Vorgang in der Berliner Tageszeitung „taz“.

Verlag: Fehler eines Mitarbeiters

Die Trauer der anderen würde durch so einen Text gestört, habe man die Streichungen ihrer Oma gegenüber begründet. Dabei habe sich die Großmutter durch eine ganz ähnliche Anzeige in der „Frankfurter Rundschau“ inspirieren lassen, die keineswegs zensiert gewesen sei.

Der „taz“-Artikel löste am Freitag eine Welle aus, auf die auch die Verlagsgruppe Echo Medien in Darmstadt reagierte. Die Kürzung der Traueranzeige sei der Fehler eines einzelnen Mitarbeiters gewesen. Die Richtlinie des Verlags, dass keine politischen Aussagen in Familienanzeigen geduldet werden, sei in diesem Fall falsch ausgelegt worden.

Persönliche Entschuldigung bei Anzeigenkundin

In dieser gekürzten Version wurde die Traueranzeige veröffentlicht.
In dieser gekürzten Version wurde die Traueranzeige veröffentlicht. Bild © allgemeine-zeitung.de/anzeigen/traueranzeigen

„Wir bedauern diese Entscheidung und werden sie intern aufarbeiten.“ Kein Mitarbeiter verharmlose die Verbrechen der Nationalsozialisten oder gehe vor aktuellen rechtsextremen Tendenzen in die Knie, schrieb die Verlagsgruppe.

Echo-Chefredakteur Lars Hennemann und die Leiterin der Anzeigenredaktion, Jelisaweta Scherdel, besuchten die Angehörigen von Apollonia Riebel am Freitagnachmittag, brachten Blumen und erklärten den Hintergrund des Vorfalls. In der Samstagsausgabe erscheint die Erinnerungsanzeige in ihrer ursprünglichen Fassung. Auch im „Trauerportal“ des Verlags ist sie erschienen.

Entschuldigung akzeptiert

Die Familie hat die Entschuldigung akzeptiert. „Für mich ist das jetzt so in Ordnung“, sagte Elke Jurischka-Leimbach am Freitag zu hessenschau.de und kann dem Ganzen auch etwas Positives abgewinnen: „Ich hoffe, dass noch viel darüber diskutiert wird, und werde das selber auch noch mit vielen Leuten machen.“

Jurischka-Leimbach, die in Büttelborn im Kreis Groß-Gerau lebt, ist selbst im Förderverein für jüdische Geschichte aktiv und hilft unter anderem bei der Organisation der Verlegung von „Stolpersteinen“, die an NS-Opfer erinnern.

Ihre Großmutter Apollonia Riebel gehörte zu 16 jüdischen Einwohnern von Riedstadt-Crumstadt (Groß-Gerau), zu deren Erinnerung im Herbst vergangenen Jahres Stolpersteine verlegt wurden. Das Ried-Echo hatte damals darüber berichtet.

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